Achtsamkeit ist vielleicht das eigentliche Thema unserer Zeit
- MINDFULNESS-HEIDELBERG
- vor 1 Tag
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Das Wort "Achtsamkeit" ist inzwischen so ausgeleiert, dass ich manchmal selbst zusammenzucke, wenn ich es ausspreche.
Nicht, weil ich nicht an seine Wirkung glaube. Im klinischen Kontext – für Personal und Patient:innen – ist sie mir nach wie vor enorm wichtig.
Aber das Wort selbst wurde inzwischen ausgehöhlt.
Achtsamkeit ist plötzlich alles: Wellness. Räucherstäbchen. Ein bisschen Entspannung, ein bisschen Selfcare, ein bisschen "Lass los".
Aus meiner Erfahrung greift das zu kurz. Nicht falsch – nur unvollständig.
Und dass Achtsamkeit heute kritisch hinterfragt wird, finde ich eigentlich gut so. Auch kritische Stimmen haben ihre Berechtigung – sie machen sichtbar, wie unterschiedlich das Wort inzwischen verstanden wird. Genau dadurch wird auch die andere Seite deutlicher: Achtsamkeit zu praktizieren ist im Grunde denkbar einfach – und trotzdem eine echte Herausforderung.
Genau deshalb sollte sie auch nicht von jedem einfach so genutzt und angeleitet werden. Der Umgang mit dem inneren Erleben und der eigenen Erfahrung braucht eine kompetente, gut ausgebildete Begleitung.
Wir leben im Kopf.
Unser Geist kennt zwei Grundmodi: den Tun-Modus und den Sein-Modus.Der Tun-Modus ist darauf ausgerichtet, Ziele zu erreichen und Probleme zu lösen. Er vergleicht ständig den Ist-Zustand mit einem Soll-Zustand – und lenkt unsere Aufmerksamkeit dadurch automatisch auf das, was fehlt, was nicht stimmt, was noch zu tun ist. Sehr nützlich, wenn wir ein Problem lösen wollen. Aber der Geist bleibt oft auch dann in diesem Modus, wenn es nichts zu lösen gibt – und dann wird aus jedem Moment ein Defizit.
Der Sein-Modus dagegen bewertet nicht und vergleicht nicht. Er nimmt wahr, was gerade ist, ohne es sofort verändern zu wollen. In diesem Modus können wir auch das Angenehme, das Neutrale, das, was bereits gut ist, überhaupt erst bemerken.
Wir üben, bewusst zwischen beiden wechseln zu können – und nicht dauerhaft im Tun-Modus gefangen zu bleiben.Achtsamkeit ist kein Wohlfühlprogramm. Keine Flucht vor der Realität.
Sie ist ein Training – des Geistes, der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung. Sie verlangt Disziplin und Konfrontation. Und manchmal ist sie verdammt unbequem.
Dieses Training hat einen Namen: Meditation.
Nicht als spirituelles Ritual, sondern als regelmäßige Praxis, den Geist zu schulen und sich selbst bewusster wahrzunehmen.
In der buddhistischen Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang von zwei Flügeln, die einen Vogel erst fliegen lassen: Erkenntnis und Weisheit auf der einen Seite. Selbstmitgefühl und Freundlichkeit auf der anderen.
Nur mit einem Flügel bleibt man am Boden. Achtsamkeit ohne Mitgefühl kann hart und selbstkritisch werden. Mitgefühl ohne klare Erkenntnis wird beliebig. Erst zusammen tragen sie.
Deshalb braucht es manchmal Mutanfälle
Nach außen hin funktionieren wir oft erstaunlich gut. Wir arbeiten, lachen, lieben Menschen. Und trotzdem läuft im Hintergrund etwas weiter, das nie wirklich zur Ruhe kam.
Genau dort wird Achtsamkeitspraxis konkret: Kann ich merken, wann ich dichtmache? Kann ich innehalten, bevor ich reagiere?Das ist der Anfang von MBSR – Mindfulness-Based Stress Reduction. Acht Wochen, den eigenen Körper, Atem und automatische Reaktionen bewusster wahrzunehmen. Kein Wohlfühlprogramm. Ein Training. Danach geht es weiter – vertiefte Praxis, längeres Sitzen, manchmal auch der Blick auf das eigene System in der Aufstellungsarbeit. Es ist erstmal ein Anfang.
Der wirksame erste Schritt dessen, was Achtsamkeit eigentlich meint, heißt im neurowissenschaftlichen Sinn "attention control". Aufmerksamkeitssteuerung. Studien zeigen inzwischen, welche Wirkung ein trainierter Geist auf Stressadaption, Prävention und Gesundheit hat.
Das, was heute unter "Achtsamkeit" verkauft wird, hat damit oft wenig zu tun – vielleicht 5 Prozent. Der Rest ist Wellness, Entspannung, konsumfähig verpackt. Auch das ist okay, es ist einfach etwas anderes.
Der Kapitalismus verwertet eben alles, was ihm unter die Finger kommt – auch die Achtsamkeit. Und damit das gelingt, wird sie bis zur Unkenntlichkeit weichgespült.
In der Yoga-Welt ist es ähnlich: Meist zählt nur die körperliche Asana-Praxis. Dabei ist der Yoga-Pfad achtteilig und weit mehr als das, was sich westlich, körperbetont vermarkten lässt.
Kein Zufall, dass gerade das Sichtbare, Greifbare bleibt: Unser Geist mag es, sich an Bewertung festzuhalten, wenn ihm etwas unbekannt ist. Das ist kein Fehler – unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, Unbekanntes erst einmal vorsichtig zu prüfen, bevor es sich öffnet. Auch Skepsis hat also ihren guten Grund.
Deshalb braucht es manchmal Mutanfälle, sich trotzdem auf diese Reise einzulassen. Nur wer mutig ist und auch kompetent angeleitet und begleitet wird, kann sich wirklich darauf einlassen.
Ich wünsche uns allen, dass wir in einer Welt, die immer komplexer wird und uns ständig nach außen zieht, eine für uns passende Geistespraxis finden - um Präsenz, Freundlichkeit und Gelassenheit zu kultivieren.
Es gibt nicht den einen Weg. Aber es gibt einen Anfang. Nicht perfekt. Aber ehrlich.






