Das eigene System sichtbar machen: Aufstellung, Skulptur und die Wunderfrage

Manchmal verstehen wir unsere Familie, unsere Beziehung oder unser Team erst dann, wenn wir sie vor uns sehen. Genau das macht die systemische Aufstellung möglich: Sie holt Beziehungsmuster aus dem Kopf in den Raum.
Dieser Beitrag ist eine kleine Auffrischung. Er erklärt, wie Aufstellungen und Skulpturen funktionieren, was sie bewirken können und wie die Wunderfrage hilft, vom Problem zur Lösung zu blicken.
Woher die Methode kommt
Die Familientherapeutin Virginia Satir entwickelte die Familienskulptur und die Rekonstruktion der Familie. Damit legte sie den Grundstein für die heutige Aufstellungsarbeit.
Eine Familienskulptur ist eine räumliche Darstellung der emotionalen Verbindungen zwischen Familienmitgliedern. Statt über Beziehungen nur zu sprechen, werden sie sichtbar und körperlich spürbar.
So funktioniert eine Aufstellung
In einer Aufstellung wird ein System mit seinen Strukturen und Dynamiken im Raum abgebildet. Je nach Setting geschieht das auf unterschiedliche Weise:
In der Familienberatung stellen sich häufig die Familienmitglieder selbst auf.
In der Gruppenarbeit übernehmen Teilnehmende die Rolle von Stellvertretern für Familienmitglieder.
In der Einzelberatung veranschaulichen Symbole, Figuren und andere kreative Hilfsmittel die Beziehungsmuster.
Dabei zählt jedes Detail: Wer steht nah, wer weit weg? Wohin geht der Blick? Welche Körperhaltung, welcher Gesichtsausdruck, welche Gefühle zeigen sich? All das gibt Aufschluss über Gedanken und Gefühle im System. Auch Symptome oder Emotionen können aufgestellt werden, um die Dynamik zu verdeutlichen.
Wichtig zu wissen: Eine Aufstellung zeigt immer Ihre eigene Sichtweise. Sie spiegelt, wie Sie Ihre Familie zu einem bestimmten Zeitpunkt erlebt haben, nicht eine objektive Wahrheit.
Warum Aufstellungen wirken
Jedes System sucht nach Gleichgewicht. Verändert sich ein Element, verändern sich auch die anderen, um die Balance wiederherzustellen. Eine Aufstellung macht diese Wechselwirkungen sichtbar: Konflikte und Blockaden ebenso wie vorhandene Ressourcen und Lösungswege.
Weil das Muster räumlich und körperlich erfahrbar wird, erkennen wir es oft schneller und erleben es intensiver. Sie können sich in die Perspektive der Stellvertreter hineinversetzen und mit ihnen in Kontakt treten. Aus diesem Perspektivwechsel entstehen neue Ideen und Impulse.
Und: In der Skulptur dürfen Sie neue Verhaltensweisen ausprobieren. Was sich dort stimmig anfühlt, können Sie später in Ihren Alltag mitnehmen. So ergreifen Sie selbst die Initiative, alte Muster zu lösen.
In der Gruppe oder im Einzelcoaching
Im Gruppencoaching stellen Teilnehmende die Mitglieder eines Systems dar und werden von der Gruppenleitung durch den Prozess geführt. Je nachdem, welches System betrachtet wird, gibt es zum Beispiel Familienaufstellungen, Organisationsaufstellungen, Aufstellungen von Teams und Gruppen oder auch von inneren Anteilen.
Im Einzelcoaching arbeiten wir mit Systembrettern, Figuren oder Alltagsgegenständen wie Playmobil- oder Lego-Figuren. Auch Karten, Haftnotizen oder beschriftete Zettel eignen sich. Viele Gegenstände können Blockaden, Konflikte oder Bündnisse symbolisieren. Manchmal genügt es sogar, sie klar zu benennen.
Was Sie davon haben
Mehr Selbstreflexion und ein besseres Verständnis für das, was in Ihrem System geschieht
Geschärfte Kommunikation in Konflikten mit Familie, Partner, Freunden, Team oder Kooperationspartnern
Unterstützung bei der Stressbewältigung
Ein gestärktes Selbstbewusstsein
Klarheit darüber, wie Ihre verschiedenen Lebenssysteme zusammenhängen
Mehr Balance in unterschiedlichen Lebensbereichen
Zur Auffrischung: Die Wunderfrage
Während eine Aufstellung zeigt, wie ein System gerade ist, öffnet die Wunderfrage den Blick dafür, wie es sein könnte. Sie stammt aus der lösungsorientierten Kurzzeittherapie von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg. Das Prinzip dahinter: „Solution talks create solutions.“ Wer über Ziele, Wünsche und Fortschritte spricht, findet eher Lösungen als im Kreisen um das Problem.
Die Frage lautet sinngemäß:
Stellen Sie sich vor,
... heute Nacht, während Sie schlafen, geschieht ein Wunder. Das Problem, das Sie hierher geführt hat, ist gelöst. Sie wissen aber nicht, dass das Wunder passiert ist. Woran würden Sie morgen früh als Erstes merken, dass etwas anders ist?Die Wunderfrage verlangt von Ihnen keine konkrete Lösung für ein Problem. Sie ist eine „Was wäre, wenn“-Frage.
An sie schließen sich weitere Fragen an:
Woran merken Sie am nächsten Morgen als Erstes, dass Ihr Problem gelöst wurde?
Was tun Sie als Erstes?
Was machen Sie anders?
Wer merkt es als Erstes? Und woran?
Wer findet die Verbesserung gut, wer eher schlecht?
Was hat sich verändert in Ihrem Alltag, Ihrer Beziehung, im Team?
Was würden Sie am meisten vermissen, wenn das Problem weg wäre?
Was wäre ein erster kleiner Schritt in die richtige Richtung?Mit allen Sinnen eintauchen
Beschreiben Sie Ihre Eindrücke möglichst anschaulich und detailliert, am besten mit geschlossenen Augen. Lassen Sie sich mit allen Sinnen auf die neue Situation ein und entdecken Sie, wie sich Körpergefühl und Stimmung zeigen.
Das Wissen steckt schon in Ihnen
Die Wunderfrage ist eine von vielen lösungsorientierten Fragen und wahrscheinlich die bekannteste. Sie geht davon aus, dass das Wissen, das zur Lösung eines Problems nötig ist, bereits in uns steckt. Ungewöhnliche Fragen helfen, dieses unbewusste Wissen zu wecken, zum Beispiel Fragen nach:
Ausnahmen
kleinen Unterschieden
minimalen Veränderungen
komischen Ideen
absurden Möglichkeiten
So eröffnen sich neue Perspektiven, und Ihr Handlungsspielraum wird größer.
Das Prinzip der kleinen Schritte
Lösungsorientierte Arbeit geht davon aus, dass schon eine kleine Veränderung eine weitere nach sich zieht. Sobald der erste Schritt getan ist, folgen die nächsten. Viele kleine Veränderungen führen über kurz oder lang zu einer großen.
Wenn etwas nicht funktioniert, probieren Sie etwas anderes aus. Am Anfang darf es etwas Lustiges, Alltägliches oder Verrücktes sein. Wichtig ist nur, dass es ein altes Muster unterbricht. Entdecken Sie, was gut funktioniert, und tun Sie mehr davon.
Das ist die Idee der lösungsorientierten Arbeit: aus dem Raum der Probleme in die Welt der Ideen und Möglichkeiten.
Achtsam, systemisch, aufstellen
Achtsamkeit und systemische Arbeit ergänzen sich. Achtsamkeit hilft, im Moment wahrzunehmen, was in uns geschieht. Der systemische Blick zeigt, wie dieses Erleben mit den Menschen um uns herum verbunden ist. Zusammen entsteht ein Raum, in dem Sie Ihr System achtsam verstehen und Schritt für Schritt verändern können.
Möchten Sie eine Aufstellung selbst erleben oder die Wunderfrage in einem begleiteten Gespräch vertiefen? Bei Mindfulness Heidelberg biete ich systemische Aufstellungen im Einzel- und Gruppensetting sowie Paarberatung an. Ich freue mich auf Ihre Nachricht.





